Der Archetyp als historischer Faktor
Kein Psychologe verstand damals, was ich meinte, weil einfach niemand eine Vorstellung davon hatte, daß unsere persönliche Psychologie nur eine dünne Haut ist, ein leichtes Kräuseln auf dem Ozean der kollektiven Psychologie. Der machtvolle Faktor, der Faktor, der unser Leben verändert, der die Oberfläche unserer bekannten Welt verändert, und der Geschichte macht, ist die kollektive Psychologie, und die kollektive Psychologie bewegt sich nach Gesetzen, die von denen unseres Bewußtseins von Grund auf verschieden sind.
Die Archetypen sind die großen entscheidenden Mächte, sie bringen die echten Ereignisse hervor, und nicht unser persönlicher Verstand und praktischer Intellekt. Vordem Großen Krieg sagten alle intelligenten Menschen: "Es wird keinen Krieg mehr geben, wir sind viel zu vernünftig, um das geschehen zu lassen, und außerdem sind unser Handel und unsere Finanzen derart international verflochten, daß der Krieg überhaupt nicht in Frage kommt." Und dann brachten wir den furchtbarsten aller Kriege hervor.
Jetzt beginnt man wieder mit dem gleichen törichten Gerede über die Vernunft, über Friedenspläne u.a.; die Leute verblenden sich selbst in ihrem Kleben an kindischen Optimismus - sehen Sie sich nur die Wirklichkeit an! Es sind ohne Zweifel die archetypischen Bilder, die das Schicksal des Menschen bestimmen. Die unbewußte Psychologie des Menschen entscheidet und nicht das, was wir in der Gehirnkammer unseres Dachstübchens denken und reden.
Wer hätte im Jahre 1900 gedacht, daß dreißig Jahre später in Deutschland Dinge geschehen können, wie wir sie heute erleben ?!
Hätten Sie geglaubt, daß eine ganze Nation intelligenter und gebildeter Menschen von der faszinierenden Macht eines Archetyps ergriffen werden könnte ?!
Ich habe es kommen sehen, und ich kann es verstehen, weil ich die Macht des kollektiven Unbewußten kenne. An der Oberfläche jedoch sieht es völlig unglaubhaft aus. Sogar meine persönlichen Freunde stehen unter dieser Faszination, und wenn ich in Deutschland bin, glaube ich es selbst, ich verstehe alles, ich weiß, es muß so sein, wie es ist. Man kann dem nicht widerstehen. Es geht einem unter den Gürtel und nicht in den Kopf, das Gehirn zählt überhaupt nicht, das sympathische Nervensystem ist ergriffen.
Es ist eine Macht, die die Menschen von innen her fasziniert, es ist das aktivierte kollektive Unbewußte, ein lebendig gewordener Archetyp, der ihnen allen gemeinsam ist.
Und weil es eine Archetyp ist, hat es gewisse historische Aspekte, so daß wir ohne Kenntnis der Geschichte die Ereignisse nicht verstehen können.
Heute wird deutsche Geschichte gelebt, so wie der Faschismus lebendige italienische Geschichte ist. Wir können uns nicht wie Kinder dazu verhalten, intellektuelle und vernünftige Gedanken darüber haben und sagen: Es sollte nicht sein. Das ist einfach kindisch, Es geht um wirkliche Geschichte, um das, was dem Menschen geschieht und immer geschehen ist, und das ist sehr viel wesentlicher als unsere persönlichen kleinen Weh-Wehs und unsere persönlichen Überzeugungen.
Ich kenne hochgebildete Deutsche, die ebenso vernünftig waren, wie ich es von mir oder Sie es von sich annehmen. Aber eine Welle hat sie überrollt und ihre Vernunft weggespült, und wenn man mit ihnen spricht, dann muß man zugeben, daß sie nicht anders konnten. Ein unverständliches Schicksal hat sie ergriffen, und davon kann man nicht sagen, es sei richtig oder falsch. Es hat nichts mit rationalen Urteil zu tun, es ist einfach Geschichte.
Und wenn die Übertragung ... die Archetypen berührt, berührt man eine Mine, die genau so explodieren kann, wie wir sie im Kollektiv explodieren sehen. Diese unpersönlichen Bilder enthalten eine enorme dynamische Energie.
Bernard Shaw sagt in "Mensch und Übermensch": "Dieses Geschöpf Mensch, das in seinen eigenen selbstsüchtigen Angelegenheiten feig bis auf die Knochen ist, wird für eine Idee kämpfen wie ein Held."
Natürlich würden wir Faschismus oder Hitlerismus nicht Ideen nennen. Sie sind Archetypen, und so könnte man sagen: Gebt den Menschen einen Archetyp, und sie werden alle wie ein Mann vorwärtsstürmen; Widerstand ist ausgeschlossen. Wegen dieser erschreckend dynamischen Macht der Archetypen kann man sie nicht wegargumentieren. (...) Das bedeutet..., daß die Bedeutung der archetypischen Bilder voll anerkannt werden muß, von denen manche religiösen Charakters sind.
Ob Sie der Meinung sind, daß der Nazisturm in Deutschland einen religiösen Sinn gehabt hat oder nicht, spielt keine Rolle, Er hat ihn.
Ob Sie glauben, der Duce sei eine religiöse Figur oder nicht, ist unwichtig, weil er eine religiöse Figur ist. (...) Faschismus ist die lateinische Form der Religion, und sein religiöser Charakter erklärt die von ihm ausgehende ungeheure Faszination.
Auszug aus einer Rede von Carl-Gustav Jung, 1935
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